Nach der Reise – after the trip

For english version scroll down please.

Ich bin seit vorgestern zurück. Mit zwei guten Freunden gerade noch bis zum 3. Oktober in den Bergen an der deutsch-österreichischen Grenze. Zum Glück, sonst würde ich wahrscheinlich traurig zuhause sitzen und die tollen Menschen vermissen, denn die Reise war insbesondere von den vielen Begegnungen geprägt, die in bester Erinnerung bleiben werden. Ich habe viele Menschen getroffen, mit denen ich noch viel Zeit verbringen könnte, und die doch so weit weg sind. Manche in Holland, Österreich, Polen, Hongkong oder irgendwo in Deutschland. Manche auf Weltreise, und viele im Iran. Gerade diese sind es, denen Reisen so schwer gemacht wird. Sei es finanziell, sei es wegen verschlossener Grenzen. Ich konnte nicht alle in den Beiträgen erwähnen, manche hätten viel mehr verdient, die Geschichten sind aber auch zu ihrem Schutz nicht alle so geschrieben, wie sie waren. Denn so schön es war, so herzlich die Menschen sind, so sehr der Iran Tourismus fördern möchte – ein freies Land ist es noch nicht. Dies wird immer wieder spürbar. Sei es, wenn man überredet wird, in den Hostel-„Pool“ zu springen. Dann wird vorher sicher gestellt, dass kein Fremder ins Hostel kommt. Im Pool war ich unter großem Applaus aller Gäste nur mit einem Guide zusammen, denn offiziell sind es Brunnen, keine Plätze zum Baden, schon gar nicht vor den Augen des anderen Geschlechts.

Man merkt es, wenn Iraner ihren eigenen Landsleuten nicht trauen, eine Folge der Überwachung. Die Iraner sagen immer wieder, sie seien nur zu Fremden nett. Wenn man aber in einer Schlange steht und beispielsweise auf eine freie Toilette wartet wird man immer wieder beobachten können, wie vorne in der Schlange dem Zweiten die freie Toilette angeboten wird. Dies ist natürlich nett, wird in der Regel aber auch nach dem 2. und 3. Angebot abgelehnt – die Schlange wird in der Zeit auch nicht kürzer.

Befremdlich ist für uns Deutsche auch die Bewachung von Moscheen und Museen durch Militärdienstleistende, nicht nur am Eingang, sondern auch innen. Oder wenn man an streng bewachten Anlagen vorbei fährt, mit gefechtsbereiter Artillerie. Oder eben die häufigen Aussagen, dass die geäußerte Meinung rein privat ist.

Aber man darf nicht vergessen, dass ich in einer Zeit geboren wurde, in der es in Teilen Deutschlands sehr ähnlich war. Es wird für den Iran nicht das eine, befreiende Ereignis geben wie die Deutsche Wiedervereinigung. Doch die Freiheiten werden langsam erkämpft. Das Kopftuch rutscht immer mehr nach hinten. Der Tschador, also die Ganzkörper-Verhüllung der Frau ist nur in wenigen Schreinen Pflicht, das Gesicht muss nicht verhüllt werden.

Iran – in den meisten Gegenden ein sicheres Reiseziel. Ich habe mich kaum mal unsicher gefühlt. Auch nachts in Seitengassen. Man darf nicht vergessen, dass ich mit einer teuren Kamera und kompletter Bar-Reisekasse unterwegs war, denn das Land leidet noch immer unter Wirtschaftssanktionen und hat keinen Zugang zu amerikanischen Kreditkartenunternehmen. In Latein-Amerika hätte ich mich so nachts kaum raus getraut – im Iran habe ich kaum darüber nachgedacht.

Sicher wird der westliche Tourist als Lotto-Jackpot gesehen, insbesondere in Yazd und Shiraz. Hier sollte man, auch in vertrauenswürdigen Restaurants, vor der Bestellung die Preise erfragen. Sonst zahlt man schnell das Doppelte oder mehr.
Ich kann Iran als Reiseziel wärmstens empfehlen, auch oder gerade alleine. Ein paar Worte Farsi bewirken viel, aber sind nicht notwendig. Irgendwie kann man sich immer verständigen. Eine Portion Offenheit und Aufgeschlossenheit sollte man mitbringen, dann wird jeder Tag zum Highlight. Genug Zeit für Abstecher, und man kann dem Tourismus entfliehen. Genug Zeit für Pause, und man kann sich von den vielen Selfie-Wünschen erholen. Denn die sind auf die Dauer auch anstrengend. Aber das Schöne daran ist, dass nicht jeder, der einen anspricht, nur auf Dein Geld schielt. Auch wenn es manchmal überhöhte Touristen-Preise gibt, so machen dies die vielen Einladungen und Geschenke, gegen die man wenig machen kann, wieder wett.
Ich musste immer wieder an Istanbul denken. Diese Stadt hat mich vor drei Jahren ebenso fasziniert, wie auch abgestoßen. Dort wollte – zumindest im europäischen Teil – jeder nur an mein Geld. Das war anstrengend, ich möchte wirklich auf Reisen keinen Teppich kaufen. Im Iran konnte ich meist noch darüber lächeln, denn man hat es schnell gemerkt, auch wenn es erst um nette Worte ging. Meist waren die Menschen aber auch schon zufrieden, die Herkunft zu erfahren, ein bisschen ihr Englisch zu trainieren oder ein Selfie zu bekommen. Das vermisst man schon fast, wenn es mal weniger ist. Und das war am wundersamsten bei den Teppich-Knüpfern in Isfahan, die aus dem ganzen Hof zusammen gerannt sind, um mit auf das Foto zu kommen. Scheinbar ein Highlight für die Männer im mittleren Alter.

Iran ist ein Land, das mancher zur Achse des Bösen zählt. Es ist sicher nicht alles gut, und manch ein Spruch wie „JUST DON’T CARE“ auf einer Jacke oder „Tout est possible, la réalité n’existe pas“ – Alles ist möglich, die Realität gibt es nicht – auf einem T-Shirt bekommen hier eine ganz eigene Bedeutung. Zu spüren, was die fehlende Freiheit bedeutet stimmt manchmal traurig, wie die Armut in Lateinamerika oder Afrika. Aber es ist auch eine bereichernde Erfahrung – es zeigt den Stellenwert, den unser Reichtum haben könnte und was wir bei uns verlieren, wenn wir aus politischem Frust die Freiheit aufs Spiel setzen.

 

I’ve been back the day before yesterday. I’ll spend time with two close friends in the mountains on the German-Austrian border until October 3. Luckily, otherwise I would probably sit at home, being sad and missing all the great people I met in Iran. The journey was shaped in particular by those many people that will remain in the best memories. I’ve met a lot of people I could spend a lot of time more with, but who are so far away. Some in Holland, Austria, Poland, Hong Kong or anywhere in Germany. Some on world tour, and many in Iran. These are the ones that have the biggest difficulties in travelling. Be it out of financial reasons, be it because of closed borders. I could not mention all of them in the posts, some deserved much more, but the stories are not all as written as they happened, just for their protection. As beautiful as it was, as warm as the people are, as much as Iran wants to promote tourism – it is not yet a free country. This is noticeable again and again. Let’s take a scene when some Iranian persuaded me to jump into the hostel „pool“ with him. People around had to ensure that no stranger came into the hostel. I got a great applause of all the other guests, because officially these are fountains, no places to take a bath, and certainly not in the eyes of the opposite gender.

You notice it when Iranians do not trust their own compatriots, a result of surveillance. The Iranians keep saying they are friendly only to strangers. But if you stand in line and wait, for example, for a free toilet, you will often be able to observe how in front of the queue the free toilet is offered to the second in line. Of course this is nice, but usually rejected after the 2nd and 3rd offer – the queue will not be getting shorter this way, but its a good example for „Tarouf“, the game to offer and refuse.

For us Germans, it is also strange that mosques and museums are guarded by military, not only at the entrance, but also inside. Or when you pass rigorously guarded facilities, with battle-ready artillery. Or the frequent statements that the expressed opinion is purely private.

But one must not forget that I was born at a time when it was very similar in parts of Germany. There will not be one liberating event for Iran like our German reunion, but freedom is slowly being won. The headscarf slips back more and more. The chador, the woman’s full-body masking, is only required in a few shrines, the face does not have to be covered like in Saudi-Arabia.

Iran – a safe destination in most areas. I hardly felt insecure. Even in small streets and at night. One must not forget that I was traveling with an expensive camera and complete cash travel fund, because the country is still suffering from economic sanctions and has no access to american credit cards. In Latin America I would hardly have dared to go out at night with any valuables with me – in Iran, I hardly thought about it.

Certainly, sometimes the western tourist is seen as a lotto jackpot, especially in Yazd and Shiraz. Here you should ask for the prices before ordering, even in trustworthy restaurants. Otherwise you might have to pay twice the price or more.

I highly recommend Iran as a destination, even or especially alone. A few words of Farsi have a big impact on people, but are not necessary. Somehow you can always communicate. You should bring along a dose of openness and open-mindedness, then every day becomes a highlight. Enough time for detours, and you can escape the tourism. Enough time for a break, and you can relax from all the selfie wishes. They get exhausting in the long run. But the nice part of it is that not everyone who speaks to you is just looking at your money. Although sometimes there are inflated tourist prizes, all invitations and gifts that you will receive are a big reward. You can hardly deny those offers without being rude.

I always had to think about Istanbul. This city fascinated me as much as it repelled me three years ago. Everyone – at least in the European part – tried to get my money. That was exhausting, I really do not want to buy a rug while traveling. In Iran, I could usually smile about it, because you quickly noticed, even if it was only nice words. But most of the time people were happy to learn about my origin, to train a bit of their English or to get a selfie. You almost miss that when it’s less.

Iran is a country that counts as „the axis of evil“. It is certainly not all good, and words like „JUST DON’T CARE“ on a jacket or „Tout est possible, la réalité n’existe pas“ – Everything is possible, reality does not exist – on a T Shirt get a very special meaning here. Feeling what the lack of freedom means makes you sad, like poverty in Latin America or Africa. But it is also an enriching experience – it shows the value our wealth should have for us and demonstrates the consequences if we risk freedom in our part of the world because of political frustration.

3. Oktober 2017